Faktencheck Whisky – Teil 5

80 Prozent aus dem Fass – wenn eine Faustregel wie ein Messwert klingt

Manche Aussagen begegnen einem in der Whiskywelt so häufig, dass sie sich irgendwann ins Bewusstsein eingebrannt haben. Eine davon lautet: „Bis zu 80 % des Aromas kommen aus dem Fass.“ 


Wer sich auch nur ein wenig für Whisky interessiert, ist dieser Zahl vermutlich schon begegnet. In Büchern, auf Tastings, in Marketingtexten – sie taucht immer wieder auf, klingt exakt, wissenschaftlich und irgendwie auch plausibel. Und setzt sich bei uns fest.


Aber stimmt das wirklich? Lässt sich der Einfluss des Fasses einfach so in Prozent fassen? Und ist das Aroma eines Whiskys – Aroma im Sinne des englischen „flavour“, also unserer sensorischen Gesamtwahrnehmung – überhaupt eine Größe, die sich quantifizieren lässt?


Stellen wir uns also die Frage: Wie belastbar ist diese berühmte 80-Prozent-Behauptung eigentlich? Zeit für einen weiteren Faktencheck.

Eine Zahl ohne klare Herkunft
Die Angabe „80 %“ ist in der Whiskyliteratur weit verbreitet. Sie wird oft zitiert, weitergegeben und wiederholt. Aber genau hier stoßen wir auf ein Problem: Denn wer sich auf die Suche nach ihrer eigentlichen Quelle begibt, wird nicht fündig.


Eine allgemein anerkannte wissenschaftliche Studie, die diesen Wert belastbar belegt, ist nicht bekannt. Was es gibt, ist eine Faustregel – eine, die sich über Jahrzehnte hinweg durch Wiederholung verfestigt hat, bis sie irgendwann wie eine Tatsache klang.


Auch Varianten wie „60-80 %“, „70-90 %“ oder sogar „40-70 %“ kursieren regelmäßig. Allein diese Bandbreite deutet bereits darauf hin, dass keine belastbare Messgröße dahintersteht.


Das heißt jedoch nicht, dass sie völlig falsch ist. Aber sie ist vor allem eines: ein plakatives Bild. Kein Messwert – sondern eine Vereinfachung. Eine einfache Zahl, die komplexe Zusammenhänge rund um Herstellung und Reifung von Whisky deutlich leichter erzählbar macht.

Was das Fass tatsächlich leistet
Keine Frage: Das Fass prägt den Whisky tiefgreifend. Da sind wir uns alle einig. Während der Reifung laufen mehrere physikalische und chemische Prozesse gleichzeitig ab – und sie greifen ineinander.


Dabei stammen viele der typischen Fassaromen aus dem Abbau natürlicher Holzbestandteile. So entsteht Vanillin beispielsweise aus Lignin, einem wichtigen Strukturbaustein des Holzes. Die oft als kokosartig beschriebenen Whisky-Lactone wiederum sind charakteristische Verbindungen der Eiche selbst. Durch Toasting und Charring werden zahlreiche dieser Vorstufen zusätzlich verändert oder überhaupt erst für den Whisky verfügbar gemacht. Im Verlauf der Reifung gelangen sie dann durch Extraktion aus dem Holz in das Destillat. 


Parallel dazu reagieren Bestandteile des New Make untereinander und mit dem Holz. Dadurch entstehen neue Verbindungen und bestehende verändern sich. Luftsauerstoff dringt über die Poren des Holzes ins Fassinnere und löst durch Oxidation eine Reihe weiterer chemischer Reaktionen aus. 


Und schließlich verschwinden flüchtige, oft scharfe oder unerwünschte Verbindungen – teils durch Verdunstung (den sogenannten „Angels’ Share“), teils weil sie mit der beim Charring entstandenen Kohleschicht und den darunterliegenden thermisch veränderten Holzschichten interagieren.


Das Ergebnis ist ein Whisky, der sich fundamental vom frischen New Make unterscheidet. Nicht nur farblich. Vanille-, Kokos-, Karamell- und viele Holzaromen gehen wesentlich auf die Fassreifung zurück. Das ist bei weitem keine Kleinigkeit. Aber es ist auch nicht die ganze Geschichte.

Der Whisky bringt schon etwas mit
Die „80 %“-Zahl suggeriert, dass fast alles vom Fass kommt. Mindestens vier Fünftel. Und genau hier wird es zu einfach.


Denn ein erheblicher Teil des späteren Aromas entsteht bereits lange bevor der New Make ins Holz kommt. Weit davor – während der Gärung – produziert die Hefe eine Fülle von Estern, höheren Alkoholen, organischen Säuren und weiteren Stoffen. Die Vielzahl dieser Verbindungen legt das aromatische Fundament für fruchtige, florale, grasige, seifige oder schwefelige Noten. In der Destillation wird dann geformt und konzentriert: Unerwünschtes wird abgetrennt, Gewünschtes bewahrt.


Das Fass ersetzt diese nicht, sondern baut auf diesem Fundament weiter auf. Je nach Stil des Whiskys bleibt der Charakter des Rohbrands unterschiedlich stark erhalten: Junge oder stark getorfte Whiskys beispielsweise zeigen mehr Eigencharakter. Whiskys mit langer Lagerzeit tragen den Stempel des Fasses deutlicher. Aber beides ist immer vorhanden.

Warum sich Aroma nicht in Prozent messen lässt
Aromen lassen sich nicht wie ein Kuchen aufteilen. Was wir wahrnehmen, ist nie die Summe einzelner Stoffe – sondern das Ergebnis ihres Zusammenspiels.


Ein einzelnes Molekül aus dem Fass kann ein bestehendes Aroma verstärken, verändern oder vollständig überlagern. Ein anderes, das in geringer Konzentration vorliegt, entfaltet kaum Wirkung – bis es auf die richtigen Begleiter trifft.

 

Die sensorische Forschung betrachtet Aroma daher nicht als eine Summe isolierter Einzelbeiträge, sondern als das Ergebnis komplexer Wechselwirkungen zwischen zahlreichen Verbindungen.


Deshalb ist die Frage „wie viel Prozent kommen aus dem Fass?“ wissenschaftlich kaum sinnvoll zu beantworten. In der Fachliteratur gilt die Fassreifung allgemein als einer der wichtigsten Einflussfaktoren auf das spätere Aromaprofil – ohne dass sich dieser Einfluss sinnvoll in einer konkreten Prozentzahl ausdrücken ließe. Und das ist präziser, als es auf den ersten Blick erscheint.

Warum sich die Zahl trotzdem hält
Und dennoch: Die „80 %“ verschwinden nicht. Sie haben sich in der Whiskywelt längst etabliert. Warum? Weil sie etwas Wahres transportieren – nur eben nicht auf wissenschaftliche, sondern auf didaktische Weise.


Die Zahl ist kein Messwert. Sie ist ein Bild. Und als Bild funktioniert sie. Sie veranschaulicht auf einfache Weise, welche zentrale Rolle das Fass spielt. Ohne Zweifel: Dass ohne Reifung im Holz ein völlig anderes Getränk entstehen würde – daran sind wir uns wohl alle einig. 

Fazit: Viel Wahrheit, aber keine feste Zahl
Kehren wir also zur Ausgangsfrage zurück: Stammen 80 % des Aromas eines Whiskys aus dem Fass? Die ehrliche Antwort lautet: Die bekannte 80-Prozent-Regel beschreibt die enorme Bedeutung des Fasses durchaus anschaulich. Als wissenschaftlich belastbare Zahl lässt sie sich jedoch nicht belegen.


Oder, wie es der kanadische Master Blender Dr. Don Livermore gerne ausdrückt: „it depends“ – es hängt davon ab.


Das Fass prägt den Whisky stark – oft sogar dominierend. Man muss nur an manche vom Sherryfass regelrecht „erschlagenen“ Whiskys denken, bei denen vom ursprünglichen Destilleriecharakter kaum noch etwas zu spüren ist. 


Aber der Einfluss des Fasses lässt sich nicht sinnvoll in eine feste Zahl pressen. Denn zu viele Faktoren spielen eine erhebliche Rolle: Hefeart, Fermentationsdauer, Destillationsverfahren, Holzart, Fassgröße, Klima, Lagerdauer, Vorgeschichte des Fasses. Jeder einzelne Faktor kann bereits das Bild verschieben.
Nicht die Frage, ob das Fass wichtig ist, steht zur Debatte – sondern die Vorstellung, sein Einfluss lasse sich seriös auf eine einzige Prozentzahl reduzieren.


Doch am Ende zählt nicht die Zahl – sondern das, was im Glas ist.